Malawi-Kogruppe
Startseite
Impressum
Kontakt
Wir über uns
Erfolge
Was Sie tun können
Jahresberichte
Infomaterialien
Archiv
Links



  Zuletzt aktualisiert:
  10.10.2007
 
Archiv / Datenbank Malawi
Überleben auf der Schattenseite
- ai-journal, Oktober 2007 -

StartseiteInhaltsverzeichnisImpressum Kontakt
Archiv

Überleben auf der Schattenseite
In Malawi werden Jugendliche, die für Busfahrer als »Callboys« arbeiten, zu Haftstrafen mit Arbeitslager verurteilt. Von Pamo Roth

Gefängnis – das heißt in Afrika oft: lernen zu überleben. Das »Maula«-Gefängnis in Malawi liegt außerhalb der Hauptstadt Lilongwe in Maisfeldern versteckt und ist von mehreren hohen Stacheldrahtzäunen umgeben. Dahinter befindet sich nur ein großer Lehmplatz mit einzelnen einstöckigen Gebäuden.

Die Gefangenen stehen oder sitzen manchmal bis zu 15 Stunden pro Tag in der sengenden Hitze und warten auf den Abend, damit sie zurückkehren können in die Betonbaracken. Das sind die Gefangenenzellen. Ein World-Press-Foto zeigte 2005 in der »New York Times« Menschen in einer Zelle des Maula-Gefängnisses, die mit aneinander gepressten Körpern auf dem Boden liegen. Ein Schlafender hat die Füße seines Gegenübers im Gesicht. Die für 50 bis 60 Menschen konzipierten Zellen müssen bis zu 150 Gefangene unterbringen. Nachdem das »Times«-Foto für Furore gesorgt hatte, wurde Journalisten die Besichtigung der Baracken untersagt.

Für ein Interview werden zwei Jugendliche in ein Nebengebäude gerufen. In geduckter Haltung betreten sie den Raum, schleichen zur Wand und hocken sich auf den Boden. Ihre Kleidung ist zerschlissen, keiner von ihnen trägt Schuhe. Sie erzählen von ihrem Leben im Gefängnis. Sie sind 28 und 24 Jahre, der Ältere heißt David, der Jüngere Fortune, auf Englisch bedeutet das Vermögen oder auch Schicksal.

Mit 120 Menschen würden sie in einem Raum schlafen. Decken dienen als notdürftige Unterlagen auf dem Betonboden. Sie schlafen wie Fische, die zum Trocknen in der Sonne liegen, wie die malawische Online-Zeitung »Nyasa Times« im Juli schrieb. Wenn sich einer dreht, müssten sich alle drehen. Essen gibt es einmal am Tag: »Nsima«, Maisbrei, mit Bohnen. Wie viel? Fortune formt mit seinen beiden Händen eine flache Kuhle. »Aber das Nsima ist zu weich. Es ist zuviel Wasser drin, man wird nicht satt«, fügt er hinzu.
Andere Gefangene werden von ihren Angehörigen versorgt. Die Familien der beiden leben auf dem Land und wissen nicht, dass ihre Söhne verhaftet sind. Wahrscheinlich hätten sie auch nicht das Geld, um in die Stadt zu fahren.

Die unmenschlichen Bedingungen, die vor allem aus der Überbelegung resultieren, sind trauriger Alltag in vielen afrikanischen Gefängnissen. Eine Anwaltsgruppe, die in einem Bericht der »New York Times« zitiert wird, stellte in 27 afrikanischen Staaten eine durchschnittliche Überbelegung von 141 Prozent fest. Zur Zeit sind in den 28 malawischen Gefängnissen mit 5.000 Plätzen 11.500 Gefangene inhaftiert. Vor drei Jahren noch mussten in Mzuzu in Malawi 507 Gefangene abwechselnd schlafen, um mit einer Zelle auszukommen, die für hundert Personen vorgesehen war.

Derzeit sind im subsaharischen Afrika eine Million Menschen inhaftiert. Doch die Anzahl steigt stetig durch die zunehmende Kriminalität, die fast immer der Überlebenssicherung dient. Die unheilvolle Allianz aus Justizversäumnissen und Gleichgültigkeit trifft auch oft Jugendliche, die sich in der schwer zu überschauenden Matrix eines überforderten Rechtssystems verfangen.

Die beiden jungen Männer aus dem »Maula«-Gefängnis wurden wegen einer Lappalie eingesperrt. Sie sind »Callboys«. Da nur jeder zweite erwachsene Malawier lesen oder schreiben kann, sind für alle anderen die »Callboys« zuständig: Jungen im Alter von zwölf bis 32 Jahren, die schreiend die Richtung der Minibusse ausrufen. Der Fahrer des Busses bezahlt sie dafür. Die malawische Regierung erklärte diese Praxis im Jahr 2005 für gesetzeswidrig. Seit Anfang 2006 wird sie strafrechtlich verfolgt und mit bis zu 20.000 Kwacha, umgerechnet 130 Euro, bestraft: Dies entspricht in etwa einem durchschnittlichen Pro-Kopf-Jahreseinkommen oder bis zu einem Jahr Gefängnis mit Arbeitslager.

Innerhalb der ersten zwei Wochen, nachdem das Gesetz in Kraft getreten ist, sind über 144 Jungen in ganz Malawi verhaftet worden. Weder Fortune noch David hatten in dem Prozess vor dem Magistrate Court in Lilongwe einen Anwalt. Ob sie wussten, dass sie das Recht auf einen von der Regierung bezahlten Anwalt haben? »Nein«, sagt Fortune. »Es war das erste Mal, dass wir vor Gericht standen. Wir wissen nicht, wie das abläuft oder welche Rechte wir haben. Wir haben versucht, uns selbst zu verteidigen.« Weil sie die Strafe nicht zahlen konnten, kamen sie ins Gefängnis.

Malawi, das ehemalige »Nyasaland«, ist eines der ärmsten Länder der Welt mit einem Pro-Kopf-Einkommen von 150 Euro im Jahr. Über die Hälfte der Menschen lebt unter der Armutsgrenze, 14 Prozent der Erwachsenen sind HIV-positiv, die durchschnittliche Lebenserwartung beträgt 43 Jahre. Die Gefängnisse sind häufig nur eine Station in der langen Kette aus Armut, Kriminalität, Krankheit und Aids. Sie sind ein Abbild der schlechten Lebensbedingungen im südlichen Afrika und verstärken gleichzeitig diese Faktoren: Auf engstem Raum gedeihen hier Krankheiten wie Tuberkulose oder Krätze, auch das HI-Virus kann sich nahezu ungehindert verbreiten. Auf die Frage nach den Hygienebedingungen antwortet Fortune: »Wir teilen uns alle eine Toilette«, 120 Gefangene einer Großraumzelle.

Wie der aktuelle Jahresbericht von amnesty international dokumentiert, ist die Zahl derjenigen, die ums Leben kamen, im vergangenen Jahr gestiegen: Über 280 Gefangene starben, das sind bei 10.000 Inhaftierten etwas 23 pro Monat, und damit fast doppelt so viele wie im Jahr 2005. Hauptsächliche Ursache ist mangelhafte Ernährung. Dies bestätigt der Oppositionelle Lucious Banda in der »Nyasa Times« im April dieses Jahres. Er war monatelang aus politischen Gründen inhaftiert: »Die Zellen sind überbelegt, es gibt wenig Essen und keine medizinische Versorgung.«

Gerade für Jugendliche und Kinder haben die Haftbedingungen dramatische Konsequenzen. Wegen fehlender Bildung, Armut oder dem Verlust der Eltern sind sie der Behördenwillkür oft völlig ausgeliefert. Nach Angaben der Hilfsorganisation »Ärzte ohne Grenzen« leben 700.000 Aidswaisen in Malawi. Im Gefängnis werden Jugendliche nicht getrennt von Erwachsenen untergebracht. Häufig kommt es zu sexuellem Missbrauch, wie amnesty international im vergangenen Jahr kritisierte.

Eine Ausbildung erscheint für David und Fortune unerreichbar. Beide »Callboys« haben die Grundschule abgebrochen, weil ihre Eltern das Schulgeld nicht zahlen konnten. Nach Aussagen malawischer Lehrer ein typischer Fall: Nur jedes zweite Kind in Malawi geht zum Unterricht. Viele Jugendliche verdingen sich als »Jumboboys«, die Plastiktüten mit einem Gewinn von fünf Cent pro Tüte verkaufen, oder sie arbeiten als »Callboys« wie David und Fortune und bewerben Busse. Sie müssen erst gar nicht Wertgegenstände oder Essen stehlen, um eingesperrt zu werden. Was sie nach ihrer Haft erwartet? Ratlose Gesichter.

Die Autorin ist freie Journalistin und lebt in Berlin.
 
[Zurück zum Seitenanfang]

So erreichen Sie uns:
AMNESTY INTERNATIONAL, KOORDINATIONSGRUPPE MALAWI
e-mail: info@amnesty-malawi.de

Wenn Sie uns finanziell unterstützen wollen:
Kto.Nr. 80 90 100, BfS Köln, BLZ 370 205 00
(Bitte Verwendungszweck "Gruppe 2036" angeben)
[Spendenformular]   [Formular Mitgliedschaft]